Sternenkinder sind Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. Das Amberger Projekt „Sternenkinder“ bietet trauernden Eltern Trost und Unterstützung.
Wenn das Herzchen des eigenen Kindes aufhört zu schlagen, bricht für die Eltern eine Welt zusammen. „Man muss sich das einmal vorstellen“, sagt Ute Schieder, Diplom-Sozialpädagogin und Ansprechpartnerin beim Amberger Projekt Sternenkinder: Wenn eine Frau erfährt, dass sie schwanger ist, bauen sie und der Vater doch sofort die schöne Vorstellung von einem gemeinsamen Leben mit ihrem Kind auf. Liebevoll und voller Vorfreude richten sie das Kinderzimmer ein, kaufen Bettchen und Strampler, freuen sich auf das erste gemeinsame Weihnachtsfest – so viele schöne Hoffnungen, die dann schlagartig zerplatzen.
Die Eltern sind in dieser Situation oftmals überfordert. Sie sind überwältigt von tiefer Trauer. Manche fallen ins Bodenlose.
„Wir sind für jeden offen, der sein Kind verloren hat und Hilfe braucht“, sagt Ute Schieder. „Wir helfen, stehen den Eltern bei, hören zu und wollen verstehen. Wir wissen aber auch: Jeder braucht seine Zeit.“
Ein friedlicher Ort zum Trauern
Ute Schieder und ihre KollegInnen begleiten die Eltern in ihrem Trauerprozess. Mit dem Projekt „Sternenkinder“, das sich zu einem Teil durch Spenden und Mitgliedschaften finanziert, bieten sie Gespräche an, die helfen können, den Schmerz, die Ängste und die Probleme zu lindern. Sie spenden Trost, helfen und beraten – auch im Hinblick auf die Bestattung. Wird das Kind in Amberg oder Sulzbach-Rosenberg entbunden und wiegt weniger als 500 Gramm, können die Eltern es gemeinsam mit anderen Sternenkindern auf dem Waldfriedhof in Amberg-Raigering kostenfrei beerdigen lassen.
„Der Platz auf dem Waldfriedhof ist sehr schön“, sagt Ute Schieder. Vögel singen, Eichhörnchen klettern auf den Bäumen, Windrädchen drehen sich auf den Grabflächen – ein bunter, friedlicher und tröstender Ort. „Diese Atmosphäre spendet den trauernden Eltern Trost“, sagt Ute Schieder. Tröstend wirke auch die Vorstellung, dass die Kleinen nicht alleine sind – sie sind in der Gesellschaft anderer Sternenkinder. Zugleich hat jedes Kind seinen eigenen Platz auf dem Grabfeld. „Viele Eltern besuchen ihre Kinder oft, stellen Engelchen und Kerzchen auf, kommen mit anderen Trauernden ins Gespräch. Ein fester Ort zum Trauern ist sehr wichtig.“
Trost, Verständnis und Anteilnahme
Stirbt das eigene Kind, ist das ein harter Schicksalsschlag. „Für Eltern ist es in dieser Situation sehr wichtig, dass sie trauern können und diese Trauer auch zulassen“, sagt Ute Schieder. Meldet sich ein Vater oder eine Mutter bei ihr, bietet sie flexibel und zeitnah einen Termin für ein Gruppentreffen mit anderen trauernden Eltern an. Auch Einzelgespräche sind möglich. „Wir bieten alles, was die Eltern in dieser schweren Zeit benötigen.“ Die Gruppentreffen sind sehr beliebt. Hier erfahren die Eltern Trost, Verständnis und Anteilnahme. „Wenn die Eltern in unserer Beratungsstelle ankommen, ist der Sarg für die Sammelbestattung schon fertig aufgebaut“, sagt Ute Schieder. Wer möchte, kann den kleinen Holzsarg zusammen mit anderen betroffenen Eltern schmücken und gestalten. „Solche gemeinsamen Erlebnisse helfen den Eltern sehr. Sie spüren, dass sie etwas für ihr Kind tun können. Das lindert das Gefühl der Ohnmacht.“ Darüber hinaus falle den meisten Menschen das Reden leichter, wenn sie dabei etwas tun können.
Den Gefühlen freien Lauf lassen
In den Gruppen- und in den Einzelgesprächen können die Eltern ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Viele weinen. Sie berichten von ihren Erfahrungen im Krankenhaus, von Reaktionen von FreundInnen und Familie. Sie sprechen über Schuld, über Anschuldigungen.
„Wenn das Kind stirbt, ist das auch für die Partnerschaft eine große Belastung“, sagt Ute Schieder. Manchmal etwa ziehe sich die Mutter in ihrer Trauer in sich selbst zurück und kann keine Hilfe von außen annehmen. Ihr Mann sieht sie leiden, er will seiner Frau helfen, aber ihm sind die Hände gebunden. „In diesem Fall trauern beide auf zwei völlig unterschiedlichen Ebenen. Das Leiden der Väter wird in der Gesellschaft leider oft unterschätzt. Dabei ist er ebenso betroffen.“ Unterschätzt werde auch das Leiden der Geschwisterkinder. „Auch sie empfinden einen tiefen Verlust. Sie müssen aber verstehen: Was passiert ist, ist sehr traurig, es ist ganz normal, dass Mama weint. Es ist aber nicht ihre Schuld.“
Ute Schieder ist überzeugt: „In unserer Gesellschaft stoßen Trauernde oft auf wenig Verständnis. Wir brauchen einen anderen Umgang mit Trauer. Wenn wir den Schmerz verdrängen wollen, fällt irgendwann alles auf uns zurück.“ Manchmal bekomme sie Anrufe von 70- oder 80-Jährigen, die in ferner Vergangenheit ein Kind verloren und ihre Trauer nie angenommen haben. „Die Erfahrung bleibt hängen. Es ist sehr wichtig, über den Schmerz zu sprechen, sich dem Leid und dem Schicksal zu stellen und es anzunehmen.“